August/September 2026
Liebe Leserin, lieber Leser,
eins mal gleich vorab: Wir wären die Letzten, die anderen Menschen ihre verdienten Urlaube missgönnten. Ganz ehrlich, wir selbst waren auch unterwegs, in Kroatien, in Italien, in ein paar anderen Ländern, an ein paar anderen Küsten. Und klar, wir haben profitiert, den Alltag mal hinter uns gelassen, die inneren Tanks wieder aufgefüllt. Deshalb: Wirklich jeder Mensch soll Urlaub machen dürfen – selbstverständlich auch Friedrich Merz.
Eine Frage sollte in diesem Zusammenhang aber doch erlaubt sein. Nicht, wo der Kanzler Urlaub gemacht hat, das ist seine Privatsache. Aber doch, wovon er seine Auszeit genommen hat. Von seinem Kabinett? Das würde man ja sogar verstehen, wenn man die Damen und Herren mal durchgeht und einem spontan hundert Menschen einfallen, mit denen man lieber in einen Konferenzraum eingesperrt werden würde. Aber von seiner Kanzlerschaft? Da hat er vielleicht etwas falsch verstanden.
Stellen wir es uns mal so vor. Da ist ein Lokführer, der einen ICE mit annähernd 250 Sachen auf schwieriger Strecke fährt. Auch der hat natürlich Recht auf Urlaub, aber doch vielleicht eher, wenn der Zug im Depot oder auf einem Abstellgleis steht. Aber der sagt sich jetzt, nö, Sommerpause ist Sommerpause, ich geh mal ins Bistro und trink einen Kaffee. Eine Durchsage mache ich nicht. Aber ich habe alles scharf unter Beobachtung.
Klingt das so, als würde es man nicht mal bei der Deutschen Bahn erleben können? Beim Kanzler ist es drin. Das Land ächzt unter Hitze, ein Wald brennt sich bis kurz vor den V orort einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, alle warten auf Worte des Trostes und vielleicht ja sogar der Zuversicht und Planung. Aber Pustekuchen. Urlaub geht vor. Der Kanzler schweigt. Lässt nur seinen Regierungssprecher ausrichten, dass er zwar nichts sagt, aber alles scharf im Blick hat. Das zumindest ist ja erfreulich, aber vielleicht eher tauglich, seinem Optiker zu gratulieren.
Irgendwie ist zurzeit der Wurm drin. Und das liegt ganz bestimmt nicht nur daran, dass der chinesische Autofan plötzlich keinen Porsche mehr kauft, weil er merkt, dass er mit einem smarten E-Car heimischer Produktion viel cooler von A nach B kommt – und sich, wenn er will, beim Tanken sogar eine Zigarette anstecken kann. Aus dem stolzen „Made in Germany“ ist ein „Late in Germany“ geworden, und da zumindest muss man dem Kanzler mal zugute halten, dass er das beim besten Willen nicht im Alleingang ändern kann, weder im Urlaub, noch im Dienst.
Zur finsteren Lage passt dann ja vielleicht ganz gut, dass wir nicht mal eine echte Finsternis hinkriegen. Während in Spanien und Island der Puls auf Anschlag ging und die Optikerketten Schutzbrillen verkauften, dass ihnen schwindelig wurde, blieb in unseren Gefilden die Sonnenfinsternis nur partiell. Da war also immer ein bisschen zu viel Sonne und ein bisschen zu wenig Schatten.
Und jetzt aber mal Schluss mit Gejammer. Denn beeindruckend war’s doch trotzdem. Und die meisten von uns werden sagen können, wo sie waren, als diese Sonnenfinsternis vom August 2026 den Abend in unwirkliches Licht tauchte.
Soll heißen: Es ist okay, sich auch mal zufriedenzugeben. Sich klar zu machen, wie gut man es trotz allem hat. Und – wenn man der politischen Führung Tatenlosigkeit unterstellt – selbst tätig zu werden. In persönlicher Sache, indem man sich eigenen Bauvorhaben widmet und sich Wohnträume erfüllt. Oder in gemeinschaftlicher Sache, indem man sich für Anliegen engagiert, die am Ende allen nützen.
Allerdings gilt: Nur im Blick haben, wird wohl nicht reichen. Man muss schon machen. Es sei denn, man stellt sich in die Tradition von Uri Geller. Das war dieser schräge Schweizer Esoteriker, der behauptete, Gabeln mit reinem Augenkontakt verbiegen zu können.
Wir wünschen Ihnen eine gute Rückkehr aus dem Urlaub, ein glückliches Händchen bei baulichen Plänen und Gabeln, die gerade bleiben, egal, wie lange der Kanzler aus dem Fernseher auf sie starrt.
Ihr Team
von SB&W
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